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04. Wände malen und patinieren

Aktualisiert: 28. Feb.

Restauration, Rekonstruktion und mögliche Missverständnisse, die dadurch entstehen können.

Neu gemalte Wand im Gemeinderaum des Pfarrhauses.

Nachdem ich gegen 2006 wieder nach Berlin gezogen war, war ich in einer Hinsicht überrascht und enttäuscht. Ich kannte Berlin noch aus den westberliner Zeiten. Da gab es viele Altbauwohnungen, die diese leicht verwohnte Gemütlichkeit hatten, vergilbte Wände (damals wurde ja auch noch viel geraucht) und urige Dielen. Die Zeiten hatte ihre Patina hinterlassen.

Dreissig Jahre später war fast überall Alt durch Neu ersetzt worden. Selbst die noch brauchbaren Dielen wurden rausgerissen, weil die nagelneuen Baumarktdielen garantiert für die nächsten dreissig Jahre nicht anfangen würden zu knarzen. (Viel Investoren kamen aus Westdeutschland und wollten keinen Ärger).


Diese Perfektionismus hatte selbst bei Airbnb in der Vermietung der privaten Räume Einzug gehalten. Zumeist weiße Wände. Nirgendwo ein Fleck. Gelegentlich mal eine freigelegte Ziegelwand.


Als wir dann 2012 die leerstehende Ruine besuchten, die mal der „Projektraum Drahnsdorf” werden sollte, waren viele Spuren noch da. Die Bemalungen und gestempelten Verzierungen des achtzehntes Jahrhundert mit Kalkfarben, einige Tapeten und ölhaltige Schutzlacke aus DDR Zeiten, neuzeitliche Schichtungen mit Dispersionsfarben oder Rotbandgips: Poetische, sprechende und auch hässliche Spuren.


Detail aus einem Bild von Fritz von Uhde, einem für mich unterschätztem Malergenie, dem es gelang einen detailgenauen Realismus mit impressionistischer Lichtwirkung zu verbinden. Dafür brauchte es auch „patinierte" Wände, die damals „Standard" waren.


Eigentlich unnachahmlich wie die Zeit selbst die Wände malt. Wandspuren im Gutshaus in ihren verschiedenen zeitlichen Schichtungen. Für eine bessere Kontrastwirkung haben wir den unteren Wandbereich „geweisselt”.

Weitere Wände im Gutshaus. Auch im unteren weissen Wandbereich haben wir Stellen wegen ihrer interessanten Farbzusammenstellung ausgespart bzw. weiß gerahmt. Die gehängten Bilder korrespondieren mit dem „abstrakten Expressionismus” der Wände.

Die Räume waren stilistisch auseiandergefallen. Es brauchte ein Vereinheitlichung. Dabei war es uns wichtig, dass alles was einen gewissen ästhetischen oder historischen Werte hatte, nicht ganz verschwinden sollte.


Gut war es, wenn ich auf irgendeiner Art von Substanz aufbauen konnte, diese einbeziehen oder herausarbeiten konnte. Aber es gab auch viele Wände, bei denen wir ganz von vorne anfangen mussten.


Beispiel: Raum mit Geschichte und „Substanz"

Die Geschichte des Gemeinderaum des Pfarrhauses verbarg sich hinter einer Rauhfasertapete. Der Raum war steril und roch nach dem Kunststoffboden aus dem siebziger Jahren. Beim Abnehmen der Tapete kamen Zeitungsschichten aus der derselben Zeit, den zwanziger Jahren und noch aus der Jahrhundertwände zum Vorschein. Und auch der alte helle Fries wurde wieder sichtbar, der mit den Türportalen korrespondierte.



Die Farben wurden im Raum angemischt, um Farbwirkungen unmittelbar zu testen. Weil wir keine Farbtabellen mit Farbnummern verwendeten, sind spätere manchmal notwendige Übermalungen meistens sichtbar.

Wir hatten anfangs versucht einige typografische Merkmale der alten Zeitungsdrucke durch halbtransparente Übermalungen schimmern zu lassen, dass sah dann aber doch - vor allem von weitem betrachtet- etwas zu fleckig aus.

Durch Farbreaktionen mit der unterschiedlichen Materialität des Untergrundes und durch die sich erst beim Malen entfaltenden Pigmentspuren entsteht die „Wandpatina”. Die natürlichen Lehmfarben gehen sehr schön zusammen mit dem ebenso naturnahen gebrannten Ton und dem altem Leinen der Gardinen.

Auf einer solchen Wand hat das Licht ganze andere Entfaltungsmöglichkeiten, als auf einer steril weissen Wand oder einer mit grellen und synthetischen Farben. Die Wand ist quasi „resonanter" und die Wirkung im Raum ist „atmosphärischer".

Je nach Tageszeit und Jahreszeit wirken die Farben kühler oder wärmer.

Die Farben, die wir in dem Haus verwendeten waren Kalkfarben für die feuchteanfälligen Bereiche, Lehmfarben für die meisten Wohnbereiche. Für solche Räume in welcher die Vergangenheit bereits spurlos verschwunden war, haben wir rein mineralische Farben (Silikatfarben) verwendet.


Bei ausdruckslosen oder völlig disparaten Wänden habe ich manchmal nach „malerischen Lösungen” gesucht, wobei immer für mich die Gefahr bestand, dass das Ergebnis zu gemacht und inszeniert wirken könnte.

Meistens habe ich dann damit experimentiert „das Gegebene” einzubinden. So habe ich Mauerstrukteren und ihre spezifische Materialität ( ähnlich der Grattage oder Frottage bei Max Ernst) in die Wandbemalung einfließen zu lassen. Oder ich habe einige Pigmente im Malmaterial nicht ganz aufgelöst, so dass zufällige Farbchangierungen während der Bemalung entstanden.


Beispiel: Einige Räume im Gutshaus


Es gab Wände, die so uneinheitlich und disparat waren, dass sie malerisch überdeckt wurden. Dabei habe ich versucht eine Lebendigkeit der Wandfarbe herzustellen, in dem ich mit einer Grundierungsfarbe und einer darauf aufbauenden Farbe gearbeitet haben.

Dunkelrot und Graublau waren in dem Haus zur Entstehungszeit oft verwendete Farben. Sie passen immer noch zum Haus. Die überlagernder Farbe wurde einmal sehr trocken aufgetragen. So konnte das Dunkelrot wie pointelistisch durch die poröse Mauerstruktur scheinen.

Der eher nasse Farbauftrag wiederum führte dazu dass es beim Malen zu spontanen Farbmischungen mit der darunter liegenden Farbe kommt. Im Falle des grünen Salons mit Kaminrot und einem warmen Graugrün.

Die farbigen Flächen sind eingerahmt von hellen Lehmfarben im goldenen Schnitt. So entsteht eine Wirkung, ähnlich wie bei einem Passepartout. Die Hauptfarbe wirkt weniger dominant und leichter.

Ich haben teilweise auch mit nicht lichtechten Farben aus schwarzem Tee und im gelben Salon mit Kurkuma experimentiert. Der erste gelbe deckende Farbauftrag wirkte aber viel zu steril und unnatürlich. In diesem Fall habe ich die Wände mit leicht eingefärbtem Wasser „patiniert". An einigen Stellen mehr grünlich oder rötlich. Fällt der Unterschied auf?

In der Gesamtwirkung ist diese noch niemandem aufgefallen. Aber die athmosphärischen Raumwirkung ist dadurch irgendwie unbestimmter und schwebender.

Eine besondere Wirkung changierender Wände ist, dass sich unser Organismus darin wohler fühlt, da sie naturähnlicher sind. Unsere natürliche Umgebung ist ja auch voller Vielfalt und Wandel. Diese künstlich-perfekten Wände sind erst seit zirka letzten achtzig Jahren Teil unserer Lebenswelt.


Diese Wirkung verstärkt sich durch die Wahl natürlicher oder organischer Pigmente. Ich musste Wände neu streichen, weil synthetische Farben oft aggressiver und disharmonischer wirken. So im grünen Salon der nun in den sanften Grüntönen von Erden aus Böhmen und Siena schimmert.


Eine ganz grundlegende Erkentniss, welches auch das Verwenden naturnaher Farben oder Farbträger rührt, ist, dass vieles, so wie es damals gemacht wurde, mir heute als viel sinnvoller und nachhaltiger erscheint. Kalk- und Lehmfarben müssen nicht entsorgt werden. Sie verwittern viel organischer und ästhetischer und sie lassen sich leichter übermalen, da sie nicht wie Dispersionsfarben und synthetische Lacke in Placken abplatzen.


Zuletzt noch ein wichtiger Grund, weshalb ich hier darüber schreibe. Es kommt immer wieder mal vor, dass wir gefragt werden ob wir einen Raum, den wir so ganz „wahrnehmungs-unteschwellig“ restauriert haben, noch mal streichen wollen c;. Heute erwarten viele Menschen diese Perfektion, die wir aus genanten Motiven vermeiden. Also: Wenn ihr nach einer mehr „cleanen” Umgebung sucht, dann kann es sein, dass dies nicht ganz der richtige Ort für euch ist.


Einige Räume haben wir zuerst zu „historisierend" rekonstruiert. Wie z.B. ein Raum im Souterain, wo es ja eh schon dunkel ist. Wir haben da die Wände durch „moderne" weisse Flächen wieder aufgebrochen. Die historisierende Bemalung wird hier zum Zitat.

In dem Landhaus wurde nicht mit Stuck gearbeitet aber viel mit Stempeln, Schablonen und Zierstreifen als Wanddekoration. In Zukunft wollen wir diese in den Haupträumen oft komplexe Ausschmückung wieder rekonstruieren- wenn wir mal wieder Zeit dafür haben.

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